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Im Interview: Prof. Dr. med. Reinhold E. Schmidt

Direktor der Abteilung Klinische Immunologie im Zentrum Innerer Medizin der MHH


© Jens Bielke
„Wir brauchen Gesundheitserziehung!“

Die Panik war groß, als Anfang der 80er Jahre erstmals über AIDS berichtet wurde: HIV - ein todbringendes Virus, übertragen durch Sexualkontakte, das selbst vor „unsterblichen“ Idolen wie Queen-Sänger Freddy Mercury nicht halt macht. Besonders aufgrund großer Fortschritte in der AIDS-Therapie ist die „Pest der Neuzeit“ aus dem Focus der Öffentlichkeit weitestgehend verschwunden - und damit auch das Thema HIV-Prävention. Grund zur Sorglosigkeit in Sachen „Safer Sex“ allerdings gibt es keineswegs, wie Reinhold E. Schmidt betont. Denn Fortschritte in der Behandlung sind nicht gleichzusetzen mit Heilung. Der 53-Jährige ist Experte auf dem Gebiet der Immunologie, einem komplexen Feld, das sich neben HIV und vielen anderen Problemen zum Beispiel auch mit SARS und Vogelgrippe befasst. Der viel beschäftigte Mediziner leitet mit großem Erfolg die Abteilung Klinische Immunologie der Medizinischen Hochschule Hannover. Die MHH ist eines von weltweit nur 17 Zentren für Diagnostik von Immundefekten, den so genannten Jeffrey Modell-Zentren und erhält von der gleichnamigen Stiftung eine Fördersumme in Höhe von 50.000 Euro jährlich. Im Gespräch mit uns äußerst sich Professor Schmidt zu den Hoffnungen auf eine HIV-Schutzimpfung, bezieht deutlich Stellung zur Gesundheitsreform, warnt vor unkontrollierbaren Keimen und mahnt nicht zuletzt Vorbeugung und Aufklärung in Gesundheitsfragen an...

Interview: Jens-C. Schulze
Fotos: Jens Bielke

Das Interview wurde am 16.12.2004 in der MHH geführt.

magaScene: Herr Professor Schmidt, Sie sind Direktor der Abteilung Klinische Immunologie der MHH. In den Gelben Seiten sucht man das Fachgebiet Immunologie als eigenständigen Bereich vergebens. Ist diese Disziplin eher unwichtig?

Schmidt: Ganz und gar nicht! Im Gegensatz zu den klassischen Disziplinen der Medizin, die sich alle mit den Organen beschäftigen - wie die Nephrologie, die Urologie oder die Kardiologie -, befassen wir uns mit einem System, genauer gesagt dem körpereigenen Abwehrsystem. Dieses Immunsystem ist etwas, von dem wir kaum merken, dass es dauernd funktioniert. Erst wenn es zu Funktionsstörungen kommt, nehmen wir es zur Kenntnis. Und Störungen des Immunsystems sind natürlich keineswegs unwichtig.

magaScene: Welche Störungen kommen vor?

Schmidt: Eine geminderte Abwehr liegt vor, wenn wir einen Immundefekt haben, beispielsweise bei einer HIV-Infektion. Auch angeborene oder altersbedingte Defekte gibt es, und auch solche, die bei einer Chemotherapie auftreten. Neben der geminderten Abwehr kommt es auch zu Überreaktionen des Immunsystems. Hier unterscheiden wir zwischen allergischen Erkrankungen und den so genannten Autoimmunerkrankungen.

magaScene: Immunologie geht also Hand in Hand mit vielen anderen Fachbereichen der Medizin?

Schmidt: Durch und durch. Besonders Autoimmunerkrankungen sind in den verschiedensten Disziplinen der Medizin weit verbreitet: Rheumatische Erkrankungen zählen dazu und auch Gefäßentzündungen wie Kollagenosen, die das Gehirn genauso betreffen können wie Nieren oder Gelenke. Auch kann die Schilddrüse autoimmun erkranken oder der Darm wie beim Morbus Crohn. Es gibt sehr viele chronisch entzündliche Erkrankungen, die auf autoimmune Situationen zurückzuführen sind. Hinzu kommt, dass wir uns im Bereich der Immundefekte - nicht zuletzt aufgrund des HIV-Infekts - sehr stark in Richtung der Infektiologie entwickelt haben. Das heißt, wir behandeln neben HIV und Aids auch so genannte opportunistische Infektionen, Erkrankungen, die dann auftreten, wenn das Immunsystem geschwächt ist - was heute sehr häufig der Fall ist.

magaScene: Wenn man all die Möglichkeiten, krank zu werden, überdenkt, ist es eigentlich erstaunlich, dass es noch so viele gesunde Menschen gibt...

Schmidt: Man muss sich einfach klar machen, dass wir wandelnde Keimträger sind. Unser Körper beheimatet Millionen verschiedener Arten. Davon kennen wir aber nur ein paar wenige. Stellen Sie sich das Immunsystem als Balance zwischen Keimen und körpereigenen Abwehrstoffen vor. Wenn Sie nun mit Ihren Abwehrzellen und Antikörpern unter eine gewisse Schwelle sinken, dann können Keime, Bakterien oder Pilze, die immer vorhanden sind und mit denen wir uns im Normalfall gut arrangieren, zu Krankheitserregern werden. Dieses Gleichgewicht gibt es auch bei etlichen Viren, beispielsweise dem Herpes-Virus. Viele Leute leben mit diesem Virus ohne irgendwelche Probleme - solange eben die körpereigene Abwehr nicht absinkt. Ein anderes Beispiel ist die Cytomegalie. Wir alle sind mit diesem Virus regelrecht durchseucht. Aber erst bei verminderter Abwehr macht es krank. Und eine Cytomegalie bekommt man erst in Griff, wenn man das Immunsystem wieder im Griff hat.

magaScene: Eine HIV-Infektion allerdings ist eine Ansteckungskrankheit - zu deren Ursprung immer noch viele Theorien im Umlauf sind. Da gibt es den homosexuellen Flugbegleiter, der in Zentralafrika von einem HIV-infizierten Affen gebissen worden sei und dann das Virus quasi im Alleingang an die Menschheit weitergegeben hat. Da gibt es US-amerikanische Biowaffentüftler, die das Virus „designt“ und an Gefängnisinsassen getestet hätten...

Schmidt: Das ist alles Unsinn. Auch ich werde heute noch angesprochen, es sei doch gar nicht möglich, dass HIV Aids erzeugt. Tatsächlich ist inzwischen sehr gut belegt, dass das HI-Virus schon seit Anfang letzten Jahrhunderts in afrikanischen Affenpopulationen vorhanden war und über diese Affen auf die menschliche Population übergesprungen ist. Das kann man heute eindeutig mit molekulargenetischen Methoden nachweisen. Von Afrika aus hat sich das Virus verbreitet, zunächst in Amerika und der Karibik, später in Westeuropa, dann in Asien. Auch jede Station der Verbreitung lässt sich eindeutig nachweisen. Jeder lebende Organismus, also auch jedes Virus, hinterlässt genetische Muster. Jede kleinste Veränderung ist erkennbar, so dass man ein Wanderung gerade der sich schnell verändernden Viren relativ leicht nachvollziehen kann. Und im Fall von HIV ist das, wie gesagt, eindeutig belegt. Der Sprung vom Affen auf den Menschen ist letztlich vor allem geschehen durch den Verzehr von frischem Affenfleisch. Und in dem Moment, wo die ersten Fernfahrer in die Regionen kamen, in denen HIV schon verbreitet war, wurde das Virus in die Welt hinausgetragen.

magaScene: Der Übertragungsweg heute ist aber natürlich nicht mehr der Verzehr von Affenfleisch.

Schmidt: Man kann es nicht oft genug wiederholen: Die Ansteckung mit HIV geschieht vor allem durch ungeschützten Geschlechtsverkehr. Wenn auch zunächst, also Anfang der 80er Jahre gerade die Homosexuellen-Szene betroffen war, so ist HIV respektive Aids heute eine Krankheit aller Menschen. Besonders betroffen sind Frauen, weil sie aufgrund ihrer viel größeren Schleimhautoberfläche sehr viel empfänglicher für das Virus sind. Ein weiterer, ziemlich häufiger Ansteckungsweg ist in der Drogen-Szene auszumachen. Weltweit haben wir mittlerweile 24 Millionen Aids-Tote und 50 Millionen Infizierte.

magaScene: Und je schneller die Welt zusammenwächst, desto größter ist Gefahr einer weltweiten Epidemie?

Schmidt: Natürlich. Und das betrifft nicht nur HIV, sondern alle Infektionskrankheiten. Die Gefahr einer schnellen Ausbreitung hat jüngst das Beispiel SARS gezeigt. Heute fliegt man mal eben für ein paar Tage Urlaub in die weite Welt. Vorsorge wie Impfungen wird dabei gerne vergessen. Beste Voraussetzungen also für Keime aller Art, sich rasend schnell global zu verbreiten. Dabei haben gerade die konsequenten Impfungen - ein Erfolg der Immunologie - dafür gesorgt, dass viele Krankheiten wie Pocken oder Polio weitestgehend ausgerottet sind.

magaScene: Wie ist der Stand der Behandlungsmaßnahmen bei Aids derzeit?

Schmidt: Es gibt kein Gebiet der Medizin, bei dem so schnell so große Erfolge erzielt worden sind wie in der Bekämpfung von HIV und Aids. Seit 1995 haben wir Therapiemöglichkeiten. Das Virus war zu diesem Zeitpunkt voll charakterisiert, man hat entsprechende Therapeutika entwickelt. Und in dem Moment, in dem man behandeln konnte, sank die Aids-Sterberate um 75 bis 80 Prozent. Es muss aber deutlich gesagt werden, dass wir Patienten nicht vom Virus befreien können. Wir können es aber so weit unter Kontrolle bringen, dass Patienten halbwegs normal leben können - sofern sich denn keine Resistenzen entwickeln. Voraussetzung dafür ist eine regelmäßige Therapie.

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