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Interviews

Im Interview: Stefan Schmidtke - Leiter Festival Theaterformen 2007

theaterformen reloaded


Im Juni 2007 schwebt für zwei Wochen eine Wolke über dem Schauspielhaus. Nein, keine Wetterkapriole, sondern ein weithin sichtbares, „heliumschwangeres“ Zeichen für einen Neubeginn.

Das Festival Theaterformen ist zurück! Mit einem neuen Leiter und einem fulminanten Programm. Stefan Schmidtke hat für den Start in Hannover 14 außergewöhnliche Produktionen aus allen Kontinenten eingeladen, die vom 10. bis 24. Juni 2007 in sechs Spielstätten die enorme Formenvielfalt zeitgenössischer Theaterkunst nahe bringen werden.

Schmidtke wurde 1968 in Döbeln, einer kleinen Stadt in der Nähe von Dresden, geboren, war Regieassistent in Halle am Theater Junge Garde, beim Fernsehen der DDR und an der Volksbühne Berlin. Von 1992-96 studierte er Regie an der Russischen Theaterakademie in Moskau, anschließend folgte ein Engagement an der BARACKE am Deutschen Theater in Berlin. 1999 inszenierte er in Sibirien am Omsker Schauspielhaus „Clavigo“. 2000 betreute er während der EXPO die Sommerakademie des Festivals Theaterformen - gemeinsam mit Marie Zimmermann, die ihn dann 2001 mit zu den Festwochen in Wien nahm, wo er bis zuletzt die Programmreihe forumsfestwochen ff leitete. Wir sprachen mit dem Theatermacher über „sein“ Festival.

Interview und Text: Jens Bielke
Fotos: Jens-C. Schulze

Das Interview wurde am 24.5.2007 im Büro von Stefan Schmidtke im Schauspielhaus geführt.

magaScene: Herr Schmidtke, Sie rechnen sich selbst der Transitgeneration zu. Was meinen Sie damit?

Schmidtke: Das kann man ganz einfach beschreiben: Das Land, in dem ich geboren wurde, also die DDR, gibt es nicht mehr. Das ist ein sehr merkwürdiges Lebensgefühl. Der Begriff der Transitgeneration stammt eigentlich aus dem Kontext der Diskussion über den Zusammenbruch der politischen Systeme Ende der 80er bis Mitte der 90er Jahre in Osteuropa. Ich gehöre genau so wie die damals jungen Russen, Rumänen oder Bulgaren zu dieser Transitgeneration. Das ist eine länderübergreifende Lebenserfahrung, die ich mit ihnen teile.

magaScene: Je turbulenter die Zeiten, desto besser für das Theater. Galt dieser Satz für diese Epoche auch?

Schmidtke: Nein. Im Gegenteil: Damals herrschte im Theater eine regelrechte Sprachlosigkeit angesichts des historischen Wandels. Die Bilder, die über die Medien in alle Welt hinausgetragen wurden, waren viel stärker als alles, was man auf den Bühnen hätte zeigen können. Es war damals sehr schwierig, den Ton der Zeit auf der Bühne zu treffen. Ende der 90er Jahre hat sich dieses Dilemma für die Bühnen aufgelöst, weil sich die Theatermacher neuer Theaterformen bedienten, um das Geschehene zu reflektieren. Es gab damals eine Wiedergeburt des Dokumentartheaters. Weil man die Jugend nicht mehr verstand, gingen die Theatermacher mit Mikrofon, Schreibblock und Fotoapparat auf die Straße, haben hunderte von Projekten initiiert, die das Heute, Hier und Jetzt unter die Lupe nahmen. Die Aneignung der Wirklichkeit wurde für viele zum künstlerischen Programm.

magaScene: Wie haben Sie aus der Wiener Ferne das Ende des Festivals Theaterformen mitbekommen?

Schmidtke: Radikal gesagt: gar nicht. Festivals wirken überwiegend regional. Ich habe von der Abwicklung der Theaterformen erst aus der Zeitung erfahren.

magaScene: Das Festival erfährt jetzt unter Ihrer Regie seine Wiedergeburt, wie wird man Leiter eines solchen Projekts?

Schmidtke: Ich habe im September 2005 einen Anruf bekommen, ob ich Interesse hätte, für ein Gespräch zum Thema Theaterformen nach Hannover zu kommen. Insgesamt habe ich dann an vier großen Gesprächsrunden teilgenommen. Bei diesen Zusammenkünften waren sowohl Vertreter des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur (NMWK), als auch die Intendanten des Staatstheaters Braunschweig und des schauspielhannover anwesend. Es wurde über allgemeine Kultur-Anschauungen, aber auch schon über Inhalte und Finanzierungsmöglichkeiten des Festivals diskutiert. Das NMWK und die Intendanten haben, soweit ich weiß, parallel auch mit anderen Bewerbern gesprochen.

magaScene: Wann haben Sie von Ihrer Berufung erfahren?

Schmidtke: Im November 2005. Am 11. Januar 2006 hat Kulturminister Lutz Stratmann auf einer Pressekonferenz die Entscheidung verkündet.

magaScene: Was war Ihre erste Reaktion?

Schmidtke: Eine große Herausforderung, weil wir von Null würden anfangen müssen. Sehen Sie sich mal in meinem kleinen Büro um: Dieses Regal dort und die darin befindlichen fünf Ordner zu den Theaterformen 2004 sind das einzige, was ich für den Neustart übernommen habe. Die komplette Büroeinrichtung habe ich mir aus dem Magazin des schauspielhannover zusammen gesucht. Telefon, Computer und Drucker mussten neu installiert werden. Von der Entwicklung eines neuen Corporate Designs bis hin zum Erstellen der Flugrouten für die Besuche der Ensembles in aller Welt: es war ein Start von 0 auf 250.

magaScene: Ein Start, der aber bestimmt auch mit einem Erkunden der Stadt Hannover einherging, oder?

Schmidtke: Und das kann man am besten mit dem Fahrrad. Ich bin im Sommer 2006 durch die Stadt geradelt, habe an vielen Türen geklopft und den Leuten erzählt, dass es in einem Jahr ein großes Theaterfestival in Hannover geben könnte, und gefragt, ob sie nicht Lust hätten, sich mit einem gemeinsamen Projekt daran zu beteiligen. Ich wollte bewusst die Kulturszene der Stadt mit einbinden, aber sie nicht überfordern. Mein Anliegen ist es, mit den Theaterformen die Szene der Stadt zu bereichern, u.a. dadurch, dass die eingeladenen Künstler aus aller Welt mit den Protagonisten vor Ort eigene Projekte entwickeln und gestalten. Dieser Dialog ist mir sehr wichtig.
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Weitere Links zum Thema:
www.theaterformen.de


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